Samstag, 1. November 2014

Maze Runner

Ich rate ab! Nachdem bei diesem Machwerk die Effekte bezahlt waren, hat das Geld leider weder für Dialogregie, noch für glaubwürdige Emotionen, noch für ein Mindestmaß an technischer Plausibilität gereicht. Stattdessen gab es unfreiwillige Komik und Unruhe im Kinosaal. Die Kritiker, die diesen Film in den Himmel schreiben, haben keine Ahnung von Jugendfilmen, oder sie werden von der Produktionsfirma bezahlt.
Für mich einer der zwei Pluspunkte dieses schwachen Films: Der gnadenlos talentierte Will Poulter muss leider hier einen recht eindimensionalen Bösewicht spielen. Da hebt er sich aber noch positiv von den anderen Charakteren ab, die man auch übereinander gestapelt noch leicht unter der Kinotür durchschieben kann.

Worum geht's?

Inhalt ist schnell erzählt: Thomas findet sich per Fahrstuhl ohne Gedächtnis in einer weiträumigen Lichtung wieder, die von hohen Mauern umgrenzt ist. Auf der Lichtung leben an die dreißig Jungs im Alter von zehn bis 20 Jahren, die den Neuankömmling rauh willkommen heißen. 

Umständlich wird er in die Verhältnisse eingeführt: Keiner der Jungen auf der Lichtung hat Erinnerungen an die Zeit vor ihrer Ankunft. Der Älteste kam vor drei Jahren an. Die Gemeinschaft hat sich Regeln gegeben, darunter als wichtigste: 

  • Alle packen bei der Bewirtschaftung mit an, 
  • Es gibt keine Gewalt gegen andere Menschen, 
  • Niemand darf ohne besondere Erlaubnis das Labyrinth hinter den Mauern betreten. 
Die Lücken in den Mauern um die Lichtung schließen sich abends und öffnen sich bei Tag - wer im Labyrinth die Nacht verbringt, wird von den sogenannten "Grievern" umgebracht.

Ziemlich unmotiviert taucht schon drei Tage nach Thomas das Mädchen Theresa im Fahrstuhl auf, fühlt sich erst verfolgt und von der Jungenhorde bedrängt, integriert sich dann aber sofort in die Gruppe (warum?). 
"Es ist .... ein Mädchen.". "Ist sie tot? Nein, sie schläft nur."
Zu diesem Thema hat Wittgenstein eigentlich im Tractatus Logico-Philosophicus alles gesagt: "Wovon man nicht sprechen kann, darüber muss man schweigen". Hätten sich die Drehbuchautoren doch daran gehalten.

Thomas ist von Anfang an Störenfried und hält sich nicht so an die dritte Regel, wie es von ihm erwartet. Das trägt ihm Ärger mit Rauhbein Gally ein, der vor dem Labyrinth mehr Angst als Vaterlandsliebe zu haben scheint (schauspielerisch hier übrigens mit weitem Abstand vor den anderen Laiendarstellern des Films: Will Poulter, der unbedarfte Nerd aus "Wir sind die Millers"). Schließlich läuft Thomas bei Toreschluss in das Labyrinth, um zwei verletzte Läufer zu retten. Gemeinsam können sie einen Griever (wie sich ergibt: eine halbmechanisierte Cyborg-Spinne) erschlagen und ein Bauteil entnehmen, das die Richtung zum Ausgang zu zeigen scheint. 

Wieder zurück auf der Lichtung gibt es zunächst einmal Feuer von den Kameraden wg. Ungehorsam. Als dann auch noch die Tore zur Nacht offen bleiben und Griever in die Lichtung eindringen, werden Thomas und Theresa für den Ärger verantwortlich gemacht - Gally will sie den Spinnen opfern.

Es kommt zu einer emotional wirken-wollenden Ansprache, und die Mehrzahl der Jungs ziehen mit Speeren in das Labyrinth, wo sie mit Hilfe des Kompass-Bauteils den Ausgang finden wollen. Es folgen mehrere Scharmützel, bis sich die Kinder schließlich in die Kommandozentrale des Labyrinthes vorkämpfen. Dort holt Gally mit einer aufgelesenen Pistole die Gruppe ein, will sie aufhalten, kann aber mit einem Speerwurf ins Herz überwunden werden. 

Es stellt sich heraus, dass die Kinder Teil eines großen Tests sind, in denen ihnen ununterbrochen etwas vorgemacht wird und sie gleichzeitig einem tödlichen Ausleseprozess unterliegen... Naja.
Ich will nicht zu ungerecht sein. Die Effekte und generell die optische Anmutung des Labyrinths ist tip-top. Dahin ist dann wohl auch das Produktionsbudget im wesentlichen gegangen. Hätte mir persönlich gewünscht, fürs Drehbuch wäre noch etwas übrig gewesen.

Wie war's?

Ok, es ist eine SF-Dystropie (hoffen wir mal, dass das Buch - das ich nicht gelesen habe - kein "Panem" und "Divergent" Rip-Off ist) und bei fantasievollen Zukunftsgeschichten bin sogar ich bereit, die Grenzen des technisch möglichen und statistisch wahrscheinlichen bis an die Grenzen zu dehnen - solange es im System des Films keine auffallenden Widersprüche gibt. Oder wenigstens: Solange die Widersprüche das Publikum nicht aus der Geschichte werfen und die Zuschauer beginnen, ungläubig zu kichern. Und damit fängt das Problem dieses Filmes schon mal an.
Das ungefähr ist das Minimalequipment, wenn man einen 80-kg-Brocken irgendwo hochziehen will.


An dieser Geschichte stimmt nix. Nix! Beispiele gefällig?

Im Labyrinth zieht Thomas und ein Kamerad einen Verletzten an einer Efeuranke die Mauer hoch, um ihn zu verstecken. Der Verletzte ist ein großer Bursche, Thomas steht auf dem Boden und die Ranke wird irgendwo am Kopf der Mauer umgelenkt.
  1. Das geht fei ned! Efeuranken sind entweder zu dünn, als dass sie so ein Gewicht halten, oder sie sind so dick, dass man sie nicht umlenken kann, ohne dass sie brechen.
  2. Was ist das für ein geheimnisvoller Umlenker in der Wand? Wer hat ihn angebracht? Und wie hat Thomas die Efeuranke dort durchgefädelt? Fragen über Fragen...
  3. Jeder, der gelegentlich klettern geht, weiß dass es nicht so einfach ist, einen Erwachsenen am Seil irgendwo hochzuziehen - ohne Flaschenzug oder die tätige Mithilfe des Gezogenen geht das eigentlich nicht, oder nur, wenn es sich um ein Kind handelt: An einem Kletterseil durch einen glatten Karabiner als Umlenker muss das 1,55-fache des Gewichts als Kraft zum Hochziehen aufgewendet werden. Wie sieht es bei Efeuranken auf Beton aus?
Im Kontrollraum wird Gally mit einem Speerwurf durchbohrt. Er trägt eine Lederjacke, die Speere haben eine ungehärtete Holzspitze und sind bereits den halben Tag gegen die Spinnen im Einsatz gewesen (also nicht mehr so spitz, wie man sich das als Besitzer wünschen würde). Da müsste schon Mark Frank geworfen haben, um den guten Gally derartig zu durchlöchern - glaubt das einem, der schon einmal einen Speer in der Hand gehabt hat.
DAS ist ein Speerwerfer. Und der Speer ist diesmal auch spitz. 

Überhaupt: warum klettern die Jungs nicht einfach die Mauer hoch und sehen sich oben einmal um? Soooo schwierig ist das nun auch nicht, wenn man zu technischen Mitteln wie Holzkeilen, Leitern, Seilen und eingeklemmten Balken greift. Und einmal oben, sollte sich schnell ein Überblick ergeben.

Und weshalb brechen die Jungs eigentlich nicht den Fahrstuhlschacht auf? Das Drahtgitter ist für kräftige Jugendliche nicht wirklich ein Hindernis, oder?

Eine letzte Frage noch: Theresa flieht in Panik vor den Jungs auf die Plattform im Baum - auf der zufällig mindestens 20 fette Steine liegen, die sie dann auf die Jungs wirft. Wieso liegen da Steine? Regisseure dieser Welt, wisst ihr eigentlich, wieviel Mühe es macht, dicke Steine über drei Etagen eine Hühnerleiter hochzutragen? Das macht man nicht zum Spaß.
So oder so ähnlich sehen sie aus, die Monster im Labyrinth. Das gehört wieder zum optisch gelungenen Teil des Filmes. Meine Freundin hat allerdings früher als ich erkannt, dass es sich mal wieder um einen Alien-Abklatsch handelt. Lieblos, lieblos, lieblos: Alles im Film ist "Gut genug"

Genug Gemeckere über technische Plausibilitäten: Kommen wir zur inneren Welt der Figuren. Gibt es Charakterentwicklung? Kann man die Gefühle und Gedanken der Helden und Nebenfiguren nachvollziehen?

Die Antwort ist: Teilweise. In einigen Szenen blitzt so etwas auf wie die Bedrohung durch Gruppendynamik (wegweisend in diesem Feld: "Herr der Fliegen" und "The Beach"), vor allem wenn der pottenhässliche, aber ausdrucksstark verkniffene Will Poulter zeigt, dass die Angst  auch einen Hosenschisser zum Täter machen kann. Davon abgesehen bleiben alle Gefühle unterbelichtet oder (wie in der "Nimm meine Hundemarke"-Szene, in der der kleine fette Sidekick Chucky Held Thomas sein selbstgeschnitztes Spielzeug schenkt), sie sind peinlich aufgesetzt
Newt ist Vizepräsi und von den ganzen pubertären Hohlköpfen noch der reflektierteste. Der Mangel an Durchblick unter Jugendlichen - das ist doch mal knallharter Realismus. Wenn da nicht der Verdacht wär, dass es in Wirklichkeit der Mangel an Durchblick beim Produzenten ist, der sich da Bahn bricht... Jedenfalls kein Vergleich zum "Herrn der Fliegen" 
Was die Funktion von Theresa ist, bleibt bis zum Ende unklar. Es scheint nicht um Fortpflanzung zu gehen. Vielleicht war sie nötig, um die unglaublich bescheuerten und peinlich-aussagelosen tun-wir-als-sei-es-ein-Dialog Sätze unterzubringen? Theresa sagt doch ernsthaft zu Thomas "Vielleicht sind wir aus einem bestimmten Grund hier?". Und sie schaut dabei auch noch ernst!

Über Thomas anfeuernde Ansprache im Labyrinth ("Vorwärts! Wir gehen da jetzt durch, und wenn es uns alle das Leben kostet!") kann man geteilter Meinung sein. Ich denke, im Eifer des Gefechtes sagt man so einen Blödsinn, und es ist nur realistisch, Thomas diesen Satz in den Mund zu legen. Hätte ich nur nicht den Eindruck, dass der Regisseur das logische Problem überhaupt nicht bemerkt hat...

Ich weiß nicht, wie der Film es hinbekommen hat, seine ganze Spielzeit auf verschiebende Mauern und umfallende Betonklötze zu verwenden und für seine Figuren nur das allernötigste zu verwenden.
Wieder so ein aufgesetzter, pseudo-emotionaler Moment: Gally meißelt den Namen des Getöteten aus.

Mein Resümee: 

Dieser Film ist mal wieder ein Beispiel für abgrundtiefe Lieblosigkeit. Wahrscheinlich hat sich irgendein Verantwortlicher gedacht "Machen wir mal einen preiswerten Jungensfilm. Da sind Gefühle auch nicht so wichtig. Schmeißen wir lieber ein paar Mauern um".  Ich glaube, diese Typen unterschätzen unsere Kinder: Mein ältester Sohn fand den Film schwach, mein mittlerer Sohn fand ihn "so mittel". Von "Maze Runner" sollte es keinen zweiten Teil geben. Leider lassen die Einspielergebnisse (270 Mio bei einem Budget von 34 Mio, zum Vergleich: Tribute von Panem: 800 Mio bei einem Budget von 78 Mio) befürchten, dass sie es noch einmal versuchen. Mein Aufruf: lasst Euch nicht veralbern, bleibt zuhause.

Friendlys Schulnote: Eine FÜNF-PLUS. Erst wollte ich eine Vier-Minus geben weil ich ein lieber Kerl bin, aber dieser Film ist nicht "ausreichend", der ist Sub-Standard nach allen bekannten Maßstäben. Und von der Filmmusik habe ich noch gar nicht gesprochen...

Rätselfrage: In "Wir sind die Millers" kommt der Titel eines Filmes in leicht verballhornter Form vor, den ich in meinem Blog schon kritisch gewürdigt habe. Welcher Film ist das?

Antwort der letzten Frage: Der Mond soll gestohlen werden in "Ich, einfach unverbesserlich". Übrigens: obwohl ein Animationsfilm, hat er fünfmal mehr echte Emotionen als "Maze Runner"

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