Mittwoch, 10. Dezember 2014

Nightcrawler

„Ich habe eine schnelle Auffassungsgabe“ sagt Louis Bloom. Wo andere eigenen Ideen haben, kopiert er, was bei anderen schon funktioniert hat. Eine wage Vorstellung von korrektem Benehmen im zwischenmenschlichen Bereich hat er sich aus einem Fernkurs Betriebswirtschaft zusammengestoppelt - das funktioniert schlecht, aber immer noch besser als gar kein Plan.
Louis ist sympathisch nur auf den ersten Blick - nach drei Sätzen müsste auch der dümmste wissen, dass mit diesem Menschen nicht gut Kirschen essen ist. Es glaubt nur keiner

Worum geht’s?

Louis ist zunächst einmal ein Ganove der alleruntersten Schublade:  er verdient sein Geld damit Gullydeckel und Maschendrahtzaun zu stehlen. Gelegentlich gibt er auch einem Wachmann einen über die Mütze und klaut eine Armbanduhr.

Eine feste Stelle hat er nicht, und das nicht ohne Grund: Es zeugt nicht von großem Durchblick, ausgerechnet den Hehler, dem man grade Buntmetall vertickt, um einen Job anzuhauen.

Louis wird ein feiner Mann und fährt jetzt auch einen schnellen Wagen.Dem Tüchtigen winkt das Glück.
Auf der Rückfahrt entdeckt Louis zwei Journalisten, die einen Unfall filmen. Er stellt sich dazu und ganz nebenbei erfährt er, welche Kamera die Journalisten benutzen, wie viel sie für die Bilder bekommen werden und wem sie das Material verkaufen. Louis fasst einen Plan - was die können, kann er auch.

Mit seinem neuen Scanner (eingetauscht gegen ein gestohlenes Rennrad) hört Louis den Polizeifunk ab. Wenn die anderen Bildjournalisten noch einen minimalen Abstand halten geht Louis Bloom ran bis zum Nasenhaar.

Im Studio des Nachrichtenkanals bietet er seine Ware der begeisterten Moderatorin Nina an. Schlüsselszene:  Louis fragt Nina dreimal, was ein gutes Videomaterial ausmache: alle drei Antworten kann er zusammenfassen auf „blutig muss es sein“.

Das hat er jetzt verstanden. Beim nächsten Einsatz geht er direkt ran: Er filmt Einschusslöchern, Briefe mit der Adresse des Opfers und die Kinderfotos am Kühlschrank.

„Es ist nicht üblich, jemanden erst zu erpressen und ihn dann zu fragen, ob sie mit einem ins Bett geht!“
"Ich mag ältere Frauen" - Louis tauscht alles gegen alles, auch Gehorsam beim Beischlaf gegen Videoaufnahmen sterbender Menschen. Warum auch nicht?
Wieder ein großer Erfolg. In Louis erwacht der professionelle Ehrgeiz: beim nächsten Unfall arrangiert er das Opfer so um wie es die Kompositionslehre verlangt.

Louis hat einen Lauf, aber sein Konkurrent hat Ideen: er ist jetzt mit zwei Vans und zwei Mannschaften in Los Angeles unterwegs. Es wird schwieriger für Louis, der erste am Schauplatz zu sein, sein Sender ist unzufrieden, das Geld sitzt nicht mehr locker.

Zehn Minuten Montagearbeit unter dem Van der Konkurrenz lösen das Problem – wenn man mit Höchstgeschwindigkeit unterwegs ist, sind ausreichend Druck in der Bremsleitung schon eine wichtige Sache. Louis filmt den Abtransport der Schwerverletzten.
"Haha, jetzt haben sie mich erwischt!" - Louis erkennt es nicht einmal, wenn seine pseudo-joviale Art unangenehm auffällt. Kann man einem seelisch Behinderten böse sein?
Beim nächsten Coup ist Louis dann wieder Monopolist: er filmt als einziger den brutalen Überfall auf eine wohlhabende weiße Familie. Warum er in das Haus eingedrungen sei? Er müsse doch Hilfe leisten! Die Videoaufnahmen von den beiden Tätern hält er erstmal zurück, vielleicht braucht man die ja noch… und wirklich: er sucht und findet die Täter, ruft die Polizei aber erst, als sie in einem gut einsehbaren Diner in belebter Öffentlichkeit sind, und nicht mehr in ihrem unfotogenen Eigenheim. Prima Bilder sind das! Besonders der Schusswechsel und die Kinder, die sich unter dem Tisch verstecken!

Aber die Probleme hören nicht auf: jetzt wird sein Fahrer aufmüpfig und erpresst ihn um höheren Lohn. Das hätte er lieber bleiben lassen. Louis schickt ihn in eine Falle, der Assistent wird von einem schweren Jungen erschossen und sein Sterben wird – natürlich – gefilmt.

Am Ende ist es Louis, der mit zwei Mannschaften und zwei Vans Los Angeles abfährt. Die Toten hat er schon vergessen.

Wie war’s?


Gutgutgut. Und obwohl es auch ein guter Action-Thriller ist, ist der Film als Charakterstudie eines Narzissten sogar noch besser: Jake Gyllenhaal als schleimscheißendes, nach oben buckeln – nach unten treten Charakterschwein ist ebenso unsympathisch wie glaubwürdig. 

(Auf besonderen Wunsch meiner Freundin hier noch der Hinweis, dass Jake Gyllenhaal natürlich ein _super_ Schauspieler ist und natürlich auch _supersüß_! Meine Kritik sei total oberflächlich, weil ich auf diese wichtigen Punkte gar nicht einginge)

Friendlys Schulnote: Eine ZWEI. Solide Charakterstudie, glaubhafter Gyllenhaal, vielleicht etwas zu folgerichtig und vorhersagbar, aber ein Gewinn. FSK-16, ich empfehle den Film eher für Erwachsene.

Rätselfrage: Ein bekannter Schauspieler spielt in Alien 3 den Stationsarzt. Wessen Vater ist er in einer aktuellen Fernsehreihe?

Kommentare:

  1. Antwort auf die Frage: es müsste sich um Charles Dance handeln, der in Game of Thrones den Vater von Tyrion, Jamie und Cerseis spielt.

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  2. Das ist .... RICHTIG! (Glitzerkonfetti fällt von der Decke, die Nummerngirls tanzen vorbei, ein goldener Siegeskranz wird dem Kandidaten um Hals und Schulter gehängt). Ich habe Charles Dance außer in "Last Action Hero", "Alien 3" und natürlich in "Game of Thrones" (unsterblich, wie er beim Gespräch mit einem Sohn noch eben einem Hirsch das Fell abzieht) auch in "Underworld" gesehen. Sein letzter Film aus diesem Jahr war "The Imitation Game" über den Kryptographen Turing. Soll sehenswert sein.

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